Zwischen Stille und Stadtlärm

Auf den ersten Blick scheint Stadthektik nur schwer mit den spirituellen Praktiken eines Klosters vereinbar. Doch das Stadtkloster Zürich zeigt, dass die kontemplative Suche nach Gott auch mitten in der Stadt gelingen kann. Zum 10-jährigen Jubiläum gab der Verein Einblicke in seine vielfältigen Engagements und präsentierte das Gebetsbuch «himmelweit geerdet».
Wenn man an ein Kloster denkt, kommen einem unweigerlich Nonnen und Mönche, abgeschiedene Gemäuer und ein streng geregelter Tagesablauf in den Sinn. Auf das Stadtkloster Zürich trifft all das nicht zu: Es sucht neue Wege, klösterliche Traditionen in der heutigen Welt zu leben – ganz im Sinne des New Monasticism, eine globale Bewegung, die für eine moderne Form christlicher Spiritualität steht und klösterliche Ideale in den Alltag übersetzt. Basierend auf dieser Idee wurde 2015 der Verein Stadtkloster Zürich gegründet. Heute zählen 25 Aktiv- und zahlreiche Passivmitglieder zwischen 20 und 90 Jahren zur Gemeinschaft.

Vielfalt im Angebot und in der Gemeinschaft
«In einer stark individualisierten Welt haben wir die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbindlichkeit – sowohl auf privater als auch auf gesellschaftlicher Ebene», erklärt Matthias Herfeldt vom Vereinsvorstand. Die aktiven Mitglieder des Stadtklosters kommen deshalb regelmässig zum Beten, Singen und Meditieren zusammen und engagieren sich gemeinsam für Menschen in Not und die Umwelt. Einige von ihnen leben mit Geflüchteten und Gästen in einer Wohngemeinschaft, andere stossen jeweils dazu. Die Aktivitäten und Engagements des Stadtklosters Zürich sind bunt – genauso wie dessen Mitglieder. «Vielfalt ist uns wichtig – nicht nur im Angebot, sondern auch in der Gemeinschaft. Im Stadtkloster kommen Menschen aus diversen Ecken zusammen. Sie haben unterschiedliche Berufe, Konfessionen und spirituelle Prägungen. Was uns verbindet, ist unsere Offenheit und die Suche nach Gott», so Matthias Herfeldt.
Jubiläumsfeier zum 10-jährigen Bestehen
Einen Einblick in all das, was das Stadtkloster (aus)macht, erhielten Interessierte am 25. Mai. Dann nämlich lud der Verein anlässlich seines 10-jährigen Bestehens zur Jubiläumsfeier ins Bethaus Wiedikon ein. Auf einer Stadtkloster-Tour, die vom Bethaus über die Kollerwiese bis zur Stadtkloster-WG führte, konnten sich die rund 70 Besuchenden ein Bild über die Wirkungsfelder des Vereins machen. Aufschlussreich war etwa die Präsentation der Winterstube für obdachlose Menschen in der Matthäuskirche in Oerlikon, die das Stadtkloster in den Wintermonaten jeweils samstags und sonntags betreibt. Sie nimmt pro Saison fast 1400 Gäste auf, die sich dort unter anderem aufwärmen, verpflegen, und duschen können. Im Klostergarten rund um das ehemalige Pfarrhaus erfuhr man, wie das Stadtkloster gemeinsam mit Geflüchteten für mehr Biodiversität in der Stadt sorgt und auf der Kollerwiese konnte man sich im meditativen Bogenschiessen versuchen. Auch das politische Engagement des Stadtklosters wurde vorgestellt. 2022 etwa lancierte das Stadtkloster gemeinsam mit anderen Vertreterinnen und Vertretern der Kirche die Schöpfungsinitiative: Diese fordert Netto Null Treibhausgase bis 2035 und eine vermehrte theologische und geistliche Auseinandersetzung mit ökologischen Krisen in der Kirche.
«himmelweit geerdet» als Geschenk zum Jubiläum
Höhepunkt des Jubiläumsanlasses war die anschliessende Präsentation des Gebetsbuchs «himmelweit geerdet. gemeinsam beten mit dem Stadtkloster» – ein Geschenk, das sich das Stadtkloster zum 10. Geburtstag selbst gemacht hat. «Der Titel passt zu uns: Wir richten uns zum Himmel und zu Gott aus und sind geerdet in der Gemeinschaft und der Schöpfung», sagt Matthias Herfeldt. Inspiriert vom Gebetbuch «Common Prayer. A Liturgy for Ordinary Radicals», welches seinen Ursprung in der New-Monasticism‑Bewegung hat, hat das Stadtkloster eine eigene Version für seine Lebensrealität geschaffen – mit Gebetsschätzen, Gedenktagen und Handlungsimpulsen für jeden Monat. Verschiedene Lieder, Psalmen und Gebete aus dem handlichen Buch wurden denn auch gleich bei der feierlichen Vesper, musikalisch begleitet von Komponist Philippe Frey rezitiert.
Stadtkloster Zürich
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