Diskutieren und zuhören

Geselligkeit, Austausch, neue Bekanntschaften – das und vieles mehr bieten Erzählcafés. Die reformierte Kirchgemeinde Zürich hat in ihren Kirchenkreisen eine grosse Auswahl an Café-Angeboten unterschiedlicher Ausprägung.
Es ist ein warmer, sehr warmer Dienstagnachmittag. Regina Angermann, Sozialdiakonin im Kirchenkreis sieben acht, trifft letzte Vorbereitungen für das anstehende Literarische Erzählcafé. im Café «Tür und Tor», gleich neben der alten Kirche Fluntern. «Wie viele kommen werden, weiss ich im Voraus nie genau», sagt sie. Eine Anmeldepflicht besteht schliesslich nicht; manchmal sind es fünf Teilnehmende, manchmal 20. Es komme eben immer aufs Thema an, manchmal auch aufs Wetter. Längst nicht alle Teilnehmenden sind regelmässige Kirchgängerinnen und -gänger, viele sind nicht einmal reformiert.
Eine kleine, feine Runde
Um 15 Uhr betritt Matti den kleinen Raum. «Pünktlich wie ein Uhrwerk!», begrüsst ihn die Sozialdiakonin. «Ist ja auch Termin heute», entgegnet Matti mit einem schelmischen Schmunzeln. Der 69-jährige Elektroingenieur wurde in Finnland geboren, lebt aber schon seit Jahrzehnten in der Schweiz. «Ich bin regelmässig hier», sagt er, «man lernt Leute kennen und kann an spannenden Diskussionen teilhaben.» Eine Mieterin von ihm habe ihm damals den Tipp gegeben. Als Nächster kommt der 78-jährige Björn aus Schweden an den Tisch, wie Matti ein Lutheraner. «Ich wohne in der Nähe und komme fast immer, die Leute sind einfach nett hier», sagt er. Verena, eine ehemalige Stadtführerin aus Witikon, ist die erste Reformierte am heutigen Erzählcafé-Tisch. Sie bleibt die einzige. Den Abschluss macht eine Dame, die sich als konfessionslos bezeichnet, dann ist die kleine Gruppe komplett. Alle werden mit Kaffee und Glacés versorgt – kostenfrei, versteht sich –, dann kann es losgehen.

Seit Jahrzehnten erprobt
Die Methode der Erzählcafés wird seit den späten 1980er-Jahren in der Sozialarbeit eingesetzt. Erzählcafés sind gleichzeitig ein niederschwelliger Bildungsanlass und eine Möglichkeit, sich mit anderen Menschen zu treffen und sich mit ihnen zu verschiedenen Themen auszutauschen. Es geht nicht darum, recht zu haben, sondern den anderen Teilnehmenden zuzuhören, andere Meinungen zu akzeptieren und vielleicht etwas von sich selbst preiszugeben. Erzählcafés sind immer moderiert, um zu gewährleisten, dass die Teilnehmenden sich im Grossen und Ganzen am jeweiligen Thema entlang bewegen. Mittlerweile haben sich Erzählcafés überall etabliert. Die 2015 gegründete Plattform Netzwerk Erzählcafé zählte im vergangenen Jahr 415 Ausschreibungen in der ganzen Schweiz, 3320 Personen nahmen teil.
Vom Biografischen zum Literarischen
Regina Angermann betreibt ihr Literarisches Erzählcafé seit 2024, fünfmal pro Jahr. Zu Anfang sei die biografische Arbeit im Vordergrund gestanden: Die Teilnehmenden erzählten zu einem vorgegebenen Thema aus ihrem Leben. Mit der Zeit stellte die Sozialdiakonin literarische Themenvorgaben im weitesten Sinn in den Vordergrund – von «Sagen in Zürich» bis hin zu «Liebesdichtung». So können Teilnehmende immer noch aus ihrem Leben erzählen oder einfach über die von Regina Angermann vorbereiteten Texte diskutieren. «Viele kommen regelmässig», sagt sie, «weil sie sich in unserer Gemeinschaft wohlfühlen.» Aber lohnt sich der Aufwand für eine Handvoll Teilnehmende? «Wir müssen aufhören, unsere Angebote nach Besucherzahlen zu messen», findet die Sozialdiakonin. «Selbst wenn nur drei Leute ins Erzählcafé kommen, haben sie alle meine Aufmerksamkeit verdient.»
Persönliches und Lehrreiches
In Fluntern geht es diesmal um Ordensfrauen – allerdings erst, nachdem alle ihrem Verdruss über das Tramlinien-Roulette der VBZ Luft gemacht haben. Schnell schwenkt das Gespräch anschliessend über auf persönliche Erfahrungen mit Ordensfrauen, gute wie schlechte. Dann lenkt Regina Angermann die Aufmerksamkeit auf die mitgebrachten Texte, führt das Gespräch zu Teresa von Ávila, Hildegard von Bingen und Katharina von Zimmern. Nach rund einer Stunde gesellt sich die Katechetin Ulrike Beer Hungerbühler zur Runde und begeistert die Anwesenden gleich mit Ordensfrauen-Anekdoten aus ihrer Kindheit in der DDR. So vergeht die Zeit des Diskutierens und Zuhörens wie im Flug, und am Ende sind sich alle einig: Es war schön, und wir freuen uns aufs nächste Mal.
Erzähl- und andere Cafés
Der inklusive Gottesdienst für Gehörlose und Hörende in der reformierten Kirche Das Café-Konzept ist längst nicht mehr auf biografische Arbeit oder gar auf das reine miteinander Reden beschränkt. Dies zeigen die Angebote der reformierten Kirchgemeinde Zürich. Im Babycafé geht es um den Erfahrungsaustausch junger Eltern; im Trauercafé unterstützen die Teilnehmenden einander im Trauerprozess. Im Repair Café helfen Teilnehmende einander, Dinge zu reparieren, und im Tanzcafé geht es um die gemeinsame Freude an Bewegung und Musik. Alle Angebote sind kostenlos und werden von Mitarbeitenden der reformierten Kirchgemeinde Zürich begleitet und moderiert. Und es sind natürlich alle Interessierten willkommen, nicht nur die reformierten!
Eine vollständige Übersicht bevorstehender Cafés finden Sie in unserer Agenda:


