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Menschen, nicht Statistiken
Gemeinschaft & Engagement

Menschen, nicht Statistiken

Die Aktion «Beim Namen nennen» gedenkt jener Menschen, die auf der Flucht nach Europa ihr Leben liessen. Ein Kampf gegen das Vergessen, der kein Ende nimmt.
03.06.2026Kirchenkreis vier fünf
Geschätzte Lesedauer: 3min
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Mehrere bedruckte Papierstreifen mit Namen hängen nebeneinander an einer Leine vor einer grauen Wand.
Ein geschützter Raum, ein wenig Normalität – das bietet das Schlupfhuus den Jugendlichen. Verena Mühlethaler

Unzählige Menschen verlassen jedes Jahr ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres und vor allem sichereres Leben in Europa. Viele erreichen ihr Ziel nicht. Sie ertrinken im Mittelmeer, verhungern oder erfrieren unterwegs oder werden auf der Flucht erschossen. Die Aktion «Beim Namen nennen» will dafür sorgen, dass diese Schicksale nicht in Vergessenheit geraten.

Jedes Jahr sterben Tausende Menschen beim Versuch, nach Europa zu gelangen, die meisten im Mittelmeer. Doch auch über Land sind die Fluchtrouten hochgradig lebensgefährlich. Seit 1993 recherchiert und dokumentiert die niederländische Nichtregierungsorganisation UNITED for Intercultural Action alle Todesfälle von Flüchtenden. Über 72 000 sind bekannt – längst nicht alle namentlich.

Aufmerksamkeit durch Veranstaltungen

Seit 2019 gedenkt die Aktion «Beim Namen nennen» in 15 Städten in der Schweiz und in Deutschland all jener, die auf der Flucht nach Europa ihr Leben liessen. Sie verhindert dadurch, dass diese Menschen zu anonymen Zahlen in Opferstatistiken werden. «Jeder und jede Tote steht für ein abgebrochenes Leben voller Träume, Wünsche und Hoffnungen», sagt Verena Mühlethaler. Die Pfarrerin an der Citykirche Offener St. Jakob im Kirchenkreis vier fünf ist verantwortlich für die Aktivitäten der Aktion in der Limmatstadt, die rund um den Flüchtlingssonntag am 21. Juni stattfinden. Dazu gehören unter anderem die Ausstellung «Use Your Resources» vom 18. Juni bis zum 2. Juli, ein interreligiöser Gottesdienst am 21. Juni, die Verlesung der Namen von Verstorbenen am 25. Juni, der Film «On the Border. Europas Grenzen in der Sahara» am 30. Juni, Performances am 27 Juni und 2. Juli sowie ein Benefizkonzert des US-amerikanischen Singer-Songwriters John Francis O'Mara zugunsten von SOS MEDITERRANEE.

Papierstreifen mit Text hängen nebeneinander an einer Wand.
Jeder Streifen steht für ein auf der Flucht verlorenes Leben.
Verena Mühlethaler

Sehen heisst wahrnehmen

Eindrücklicher Höhepunkt der Aktion wird auch in diesem Jahr das Mahnmal vor der Citykirche Offener St. Jakob sein. Vom 20. Juni bis zum 4. Juli werden unzählige weisse Stoffstreifen mit den Namen und Todesursachen der auf der Flucht Verstorbenen im Wind flattern und so auf die vielen Einzelschicksale aufmerksam machen. Bei namentlich nicht Bekannten steht das Kürzel «N. N.» – für No Name. «Das ist eine Installation, die in ihrer Fragilität und Poesie auf sich aufmerksam macht», sagt Gisela Bitterli Jochimsen. Sie gehört seit vielen Jahren zum Kreis der Freiwilligen, die in der Vorbereitung Stunden damit verbringen, immer neue Namen auf den Stoffstreifen zu verewigen. «Das Schreiben der Namen ist mir ein Anliegen, so kann ich Mitgefühl und Respekt gegenüber dem verstorbenen Menschen zeigen», fügt sie hinzu. Den Opferzahlen eine physische Gestalt zu geben, sei gerade in unserer digitalen Welt wichtig. Dies zeige sich am Interesse der Menschen an der Installation. «Passanten bleiben stehen und sehen sich die Installation an», sagt Gisela Bitterli Jochimsen. «Manche bedanken sich für unsere Arbeit, und immer wieder ergeben sich wunderbare Gespräche. Das sind echt Erlebnisse!»

Politische Anliegen

Die Aktion «Beim Namen nennen» hat auch eine politische Dimension. «Wir protestieren öffentlich gegen die herrschende Flüchtlingspolitik», sagt Verena Mühlethaler. «Seenotrettungen sind von offizieller Seite so gut wie eingestellt, Menschenrechte werden verletzt, und die Flüchtlingspolitik wird laufend verschärft.» Im Rahmen einer Petition fordert die Aktion die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung deshalb dazu auf, wenigstens vulnerable Menschen, die bereits in der Schweiz sind, nicht in Länder auszuschaffen, wo ihnen widrige Lebensumstände drohen und ihre elementaren Menschenrechte nicht gewährt sind. Die Schweiz soll selbst auf ihr Asylgesuch eintreten. Bewirkt so eine Petition denn etwas? «Erfolg ist kein Name Gottes», zitiert Verena Mühlethaler die Theologin Dorothee Sölle. Vielmehr gehe es darum, nicht damit aufzuhören, auf das Thema aufmerksam zu machen und gegen das bequeme Vergessen anzugehen. Schliesslich zeigt die Geschichte immer wieder, dass tiefgreifende Veränderungen möglich sind, auch wenn man sie nicht erwartet.

Aktion «Beim Namen nennen»

Alle Informationen zu den Veranstaltungen der Aktion «Beim Namen nennen» sowie alle Informationen für Interessierte, die beim Namen schreiben helfen möchten, finden Sie hier:

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