Mehr Platz für das Schlupfhuus

Wohin, wenn einem niemand zuhört? Wenn etwa Gewalt den Alltag prägt, die Situation ausweglos erscheint? Wenn die Probleme überhand nehmen und keine Besserung in Sicht ist? Kindern und Jugendlichen, denen sich solche Fragen stellen, bietet das Schlupfhuus Zürich Unterstützung. Dank der Zusammenarbeit mit der reformierten Kirchgemeinde Zürich eröffnet das Schlupfhuus nun einen zweiten Standort.
Schon seit 1980 unterstützt das Schlupfhuus Zürich Kinder und Jugendliche in Krisensituationen. Der eigenständige Verein ist politisch und konfessionell neutral. «Jedes Jahr melden sich bei uns zwischen 400 und 600 junge Menschen», sagt der Institutionsleiter Lucas Maissen. Längst nicht alle benötigen einen Platz zum Wohnen; oft reicht eine ambulante Unterstützung aus.
Kein Zürich-Problem
Im Gebäude an der Schönbühlstrasse in Hottingen fanden im vergangenen Jahr 73 junge Menschen zwischen 13 und 18 Jahren Unterschlupf; rund 670 Betroffene erhielten ambulante Beratung und Unterstützung. Die meisten Hilferufe kommen aus der Stadt und dem Kanton Zürich. Heisst das, dass die Limmatstadt und ihr Umland ein immer raueres Pflaster werden? Lucas Maissen verneint. «Man darf sich nichts vormachen», sagt er. «Wie auch immer geartete Gewalt gegen Kinder und Jugendliche kommt in allen sozialen Schichten vor.» Vielmehr spielten das Wachstum von Stadt und Kanton ebenso eine Rolle wie der Umstand, dass es kaum mit dem Schlupfhuus vergleichbare Einrichtungen gebe.

Viele Vorgaben
Die Anzahl an Schutzplätzen im Schlupfhuus reicht bei weitem nicht. Denn im Wohnhaus können nur zehn Personen gleichzeitig stationär betreut werden. Für drei ältere Jugendliche stehen vorübergehend kleine Studios zur Verfügung. «Jedes Jahr müssen wir über 150 junge Menschen in Not aus Platzgründen abweisen», so Maissen. Die Verantwortlichen machten sich deshalb auf die Suche nach einem zweiten Standort – kein einfaches Unterfangen angesichts der Voraussetzungen, die ein solcher erfüllen muss. Lucas Maissen: «Sehr wichtig war uns, dass der neue Standort zentral gelegen und mit dem öV gut zu erreichen ist. Er musste eine gewisse Grösse haben, bezahlbar sein und alle rechtlichen Richtlinien von Ämtern und Behörden erfüllen.» Zudem wollte man das zweite Schlupfhuus nicht unbedingt in einem sozialen Brennpunkt der Stadt aufbauen. «Für Betroffene wäre dann die Hemmschwelle zu gross, zu uns zu kommen», so Lucas Maissen. «Schliesslich wüssten dann alle Bekannten und Gschpänli, dass etwas nicht in Ordnung ist.»
Partnerschaft mit der reformierten Kirchgemeinde Zürich
Vor rund vier Jahren bot die reformierte Kirchgemeinde Zürich dem Schlupfhuus eine ihrer Liegenschaften zur Miete an. Das Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert liegt an der Freiestrasse und damit in unmittelbarer Nähe zum ersten Standort. «Das Wohnhaus mit neun Zimmern wurde zuletzt nur noch von zwei Personen bewohnt», sagt Michael Eidenbenz, Projektentwickler der reformierten Kirchgemeinde Zürich. «Die Vermietung ans Schlupfhuus ermöglicht es nun, das grosse Haus wieder optimal zu nutzen.» Zuerst musste jedoch das Innere des Gebäudes instandgesetzt werden.
Kostenbeteiligung
«Das Schlupfhuus-Team war von Anfang an Teil des Projekts und brachte seine Bedürfnisse laufend ein», sagt Nathalie Aeschbacher, Projektleiterin Bauprojekte der reformierten Kirchgemeinde Zürich. Dazu gehörten neben den gesetzlichen Vorgaben an eine solche Einrichtung auch traumapädagogische Überlegungen. «Wir fragten uns, wie wir heilsame Räume für traumatisierte junge Menschen erschaffen können, die gerade durch eine schwierige Phase gehen», führt Lucas Maissen aus. Ein Innenarchitekturbüro unterstützte das Projektteam, um das Gebäude entsprechend zu gestalten. Die Kosten für das Gesamtprojekt teilten sich die reformierte Kirchgemeinde Zürich und das Schlupfhuus.
Langfristig gedacht
Im zweiten Schlupfhuus stehen ab dem 1. Juni dieses Jahrs sieben neue Schutzplätze für Kinder von zehn bis 14 Jahren zur Verfügung. Dazu kommen Aufenthaltsräume, Küche, Esszimmer, ein Pikett-Zimmer für die Mitarbeitenden, Büroräume, Badezimmer und mehr. «Wir sind extrem froh, in der reformierten Kirchgemeinde Zürich eine grossartige Partnerin gefunden zu haben, die mit uns dieses Projekt ermöglicht hat», sagt Lucas Maissen. Dank langfristiger Verträge wird diese Partnerschaft über viele Jahre Bestand haben – und vielen Kindern und Jugendlichen zugute kommen.
Schlupfhuus Zürich
Weitere Informationen zum Schlupfhuus Zürich sowie die Möglichkeit, die Arbeit des Vereins durch eine Spende zu unterstützen, finden Sie unter folgendem Link:

