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«Hinter allem steht der Heilige Geist»
Bildung & Spiritualität

«Hinter allem steht der Heilige Geist»

Wie viel Heiliger Geist braucht die Kirche? Die Antwort von Theologe Gregor Emmenegger ist nicht so offen­sicht­lich, wie es auf den ersten Blick erscheint.
05.05.2026,Kirchenkreis neun
Geschätzte Lesedauer: 8min
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Alt-Text: Gemälde zeigt eine Gruppe von Personen in Gewändern, zentral steht eine Figur in Blau, alle unter einem Bogen.
Die Ausgiessung des Heiligen Geistes, wie sie im Rabbula-Evangeliar illustriert ist. Wikipedia
Das Wichtigste auf einen Blick
Der Heilige Geist als zentraler Teil Gottes wirft Fragen auf. Gregor Emmenegger beleuchtet im Interview verschiedene Interpretationen, auch bezüglich Geschlechterrollen. Katholiken und Reformierte haben dabei ähnliche Ansichten. Die Rolle des Heiligen Geistes in der Kirche erfordert Balance zwischen Begeisterung und Struktur, um Gemeinschaft zu erhalten und zu erneuern.

Der Heilige Geist steht im Zentrum des gött­lichen Wirkens auf Erden. Und doch fällt es uns oft schwer, ihn zu er- und begreifen. Noch schwieriger zu verstehen ist, weshalb der Heilige Geist nicht unein­geschränkt wirken darf, wenn er seine ganze Kraft entfalten soll. Der Theo­loge Gregor Emmen­egger bringt ein wenig Licht ins Dunkel.

Christinnen und Christen beten ganz selbst­verständ­lich: «Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Was ist der Heilige Geist über­haupt?

Gregor Emmenegger: Darauf gibt es viele ver­schiedene Ant­worten. Deren gemein­samer Nenner ist: Er ist die Art und Weise, wie Gott sich in der Welt zeigt. Die spezi­fische Inter­preta­tion des Heiligen Geistes ist immer ein Spiegel der jewei­ligen Gesell­schaft, die sich darüber Gedanken macht. In den letzten Jahr­zehnten wurde es zum Bei­spiel sehr wichtig, dass der Heilige Geist weiblich ist und so die weib­liche Seite Gottes zugäng­lich wird. Bei den frühen Christen ging es vor allem darum, wie Gott sich durch den Heiligen Geist der Gemein­schaft zeigt und so das Gött­liche erfahr­bar macht. Immer jedoch war klar, dass sich Gott selbst im Heiligen Geist zeigt.

Wird der Heilige Geist von Katholiken anders inter­pretiert als von Refor­mierten?

Nein. Es ist eher so, dass sich inner­halb der beiden Kon­fessionen Gruppen gebildet haben, die ähnliche Aus­legungen haben: Katho­lische Glaubende mit femi­nistischer Prägung haben die­selben Ansichten wie refor­mierte Glaubende der femi­nistischen Tradi­tion. Dass die Inter­preta­tions­grenzen ent­lang der Geschlechter und nicht entlang der Konfessionen ver­laufen, ist natür­lich auch wieder ein Spiegel unserer Zeit.

Zur Person

Gregor Emmenegger, Jahrgang 1972, ist Theo­loge und Titular­professor und unter­richtet an der Univer­sität Fribourg Patristik, Dogmen­geschichte und alte Kirchen­geschichte. Er leitet das Pro­jekt «Biblio­thek der Kirchen­väter im Internet», das die urheber­rechtlich nicht mehr geschützten Teile der Buch­reihe «Biblio­thek der Kirchen­väter» digi­tali­siert und zugäng­lich macht. 2010 erhielt Gregor Emmenegger den Hanns-Lilje-Preis der Akademie der Wissen­schaften zu Göttingen für seine Arbeit «Der Text des koptischen Psalters aus al-Mudil».

Während man von Gott und Jesus auto­matisch Bilder vor Augen hat – wie auch immer diese geprägt sind –, ist das beim Heiligen Geist nicht der Fall. Ist er sozu­sagen der am wenigsten ver­standene, weil am wenigsten greif­bare Teil der Drei­faltig­keit?

Auf jeden Fall. In den ersten drei Jahr­hunderten nach Christus disku­tierte man zum Beispiel aus­führlich über den Sohn, man fragte sich, ob Jesus Gott ist oder ob man durch Jesus Gott begegnet. Der Heilige Geist spielte da keine Rolle. Das änderte sich erst ab dem 4. Jahrhundert, als die ersten Dis­kussionen über den Heiligen Geist geführt wurden – aber immer noch stark auf den Sohn bezogen. Der Heilige Geist ist eben wirk­lich jener Teil der Drei­faltig­keit, der sich am wenigsten gut anthropo­morph – also menschen­gestaltig – fassen lässt. Unter einem Schöpfer kann man sich etwas vor­stellen, von Jesus kann man sich ein Bild machen, doch mit dem Heiligen Geist tut man sich in dieser Hin­sicht schwer.

Ist der Heilige Geist etwas typisch Christliches?

Nein, die Christen nahmen hier die jüdische Tradi­tion des Ruach auf und führten sie weiter. Typisch für das Christen­tum ist jedoch, dass die frei­willig gewählte Glaubens­gemein­schaft der Christen im Zentrum von allem steht. Es geht nicht wie im Juden­tum um die Nation, die sich auf einen gemein­samen Vater zurück­führt, und auch nicht um die politische Gemein­schaft, die im Islam eine zentrale Rolle spielt.

Bald ist Pfingsten, das Fest, an dem gemäss der Apostel­geschichte des Lukas der Heilige Geist über die Jünger kam: «Und sie wurden alle erfüllt von Heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.» (Apg 2,4). Waren die Jünger also im eigent­lichen Sinn begeistert?

Genau so ist es. Und das ist nicht nur posi­tiv, wie ich in meinem Vor­trag disku­tieren werde. Denn begeis­terte Menschen bergen immer auch ein Gefahren­poten­zial für eine Gemein­schaft. Sie lassen sich von ihrer Begeis­terung weg­tragen und fragen nicht nach Struk­turen oder Tradi­tionen. Das führt zu Spannungen, die in den ersten Jahr­hunderten ganz stark spür­bar waren. Man kann Begeisterte nicht einfach machen lassen, man muss ihre Begeis­terung in Bahnen lenken – und gerät damit in einen Konflikt.

In welchen?

Jesus sagt klar und deutlich, dass man Begeisterte nicht bremsen darf, sonst ver­sündigt man sich. Unge­bremst werden sie für eine Gemein­schaft aber proble­matisch.

Ist der Heilige Geist demnach ein Revoluzzer?

Auf jeden Fall!

Eine orange-gelbe Flamme lodert vor schwarzem Hintergrund.
An Pfingsten kam der Heilige Geist in Feuerzungen auf die Jünger herab. Cullan Smith | Unsplash
Man könnte das Pfingst­wunder aber auch so inter­pretieren, dass die Jünger nicht begeistert, sondern besessen waren ...

In den ersten Jahr­hunderten war die Frage tat­säch­lich sehr wichtig, wie man denn echte von falscher Begeis­terung unter­scheiden könne. Auch dies führte immer wieder zur Frage, ob und wie man Begeisterung begrenzen soll, damit sie nicht alles Bis­herige ein­reisst.

In Ihrem Vortrag werden Sie der Frage nach­gehen, wie viel Heiliger Geist die Kirche braucht. Die Antwort lautet demnach nicht: So viel wie möglich?

Nein, denn das ver­trägt keine Gemein­schaft. Die Kirchen­geschichte ist geprägt von Wellen­bewegungen zwischen Begeisterung, Auf­bruch, Neu­anfang und der Ein­sicht, dass ein Über­mass davon die Gemein­schaft aus ihren Fugen hebt. Es braucht Richt­linien, Struk­turen, Ämter, Führungs­figuren, welche die Gemein­schaft zusammen­halten. Legt man darauf aber zu viel Gewicht, wird der Schwung der Begeisterung gestoppt.

Wo steht die Kirche heute? Herrscht zu wenig Begeisterung?

Man könnte es vielleicht so sagen: Wir haben immer noch Struk­turen, die eine frühere Begeis­terung im Zaum halten sollten. Aber die Begeis­terung ist nicht mehr so kraft­voll, wie sie es früher war. Wir sollten unsere Struk­turen an das herrschende Mass an Begeis­terung anpassen.

Das klingt, als würde auch der Heilige Geist selbst Wellen­bewegungen durch­machen.

Er muss sich immer wieder erneuern und der jewei­ligen Gesell­schaft anpassen – so wie sich auch die Kirche immer wieder erneuern sollte.

Weshalb sagt man, Pfingsten sei der Geburts­tag der Kirche?

Weil letzt­lich alles in den Kirchen zu dem Moment zurück­führt, als der Heilige Geist die Jünger erfüllte. Die Kirchen sollten sich deshalb daran erinnern, dass hinter Amt und Tradition der Heilige Geist steht; und dass hinter dem Wort und der Bibel eben­falls der Heilige Geist steht. Die Kirchen können nur einen Erneuerungs­prozess anstossen, wenn ihnen dies bewusst ist. Zurück zu den Wurzeln des Heiligen Geistes – ohne alles grund­sätz­lich in Frage zu stellen, aber mit aller Offen­heit für Erneuerung.

Also nicht: Raus mit dem Alten, rein mit dem Neuen?

Das Alte ist nicht per se schlecht. Aber man muss sich fragen, wie das Alte gewichtet wird, welche Rolle es im Neuen spielen kann und soll. Das ist anspruchs­voll, denn zu viel des Alten treibt den Heiligen Geist aus, und zu viel des Neuen führt zur Ver­zettelung. Am stärksten kann der Heilige Geist wirken, wenn er einen klar defi­nierten Raum bekommt, inner­halb dessen er sich frei ent­falten und Menschen begeistern kann.

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