«Hinter allem steht der Heilige Geist»

Der Heilige Geist steht im Zentrum des göttlichen Wirkens auf Erden. Und doch fällt es uns oft schwer, ihn zu er- und begreifen. Noch schwieriger zu verstehen ist, weshalb der Heilige Geist nicht uneingeschränkt wirken darf, wenn er seine ganze Kraft entfalten soll. Der Theologe Gregor Emmenegger bringt ein wenig Licht ins Dunkel.
Christinnen und Christen beten ganz selbstverständlich: «Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Was ist der Heilige Geist überhaupt?
Gregor Emmenegger: Darauf gibt es viele verschiedene Antworten. Deren gemeinsamer Nenner ist: Er ist die Art und Weise, wie Gott sich in der Welt zeigt. Die spezifische Interpretation des Heiligen Geistes ist immer ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft, die sich darüber Gedanken macht. In den letzten Jahrzehnten wurde es zum Beispiel sehr wichtig, dass der Heilige Geist weiblich ist und so die weibliche Seite Gottes zugänglich wird. Bei den frühen Christen ging es vor allem darum, wie Gott sich durch den Heiligen Geist der Gemeinschaft zeigt und so das Göttliche erfahrbar macht. Immer jedoch war klar, dass sich Gott selbst im Heiligen Geist zeigt.
Wird der Heilige Geist von Katholiken anders interpretiert als von Reformierten?
Nein. Es ist eher so, dass sich innerhalb der beiden Konfessionen Gruppen gebildet haben, die ähnliche Auslegungen haben: Katholische Glaubende mit feministischer Prägung haben dieselben Ansichten wie reformierte Glaubende der feministischen Tradition. Dass die Interpretationsgrenzen entlang der Geschlechter und nicht entlang der Konfessionen verlaufen, ist natürlich auch wieder ein Spiegel unserer Zeit.

Zur Person
Gregor Emmenegger, Jahrgang 1972, ist Theologe und Titularprofessor und unterrichtet an der Universität Fribourg Patristik, Dogmengeschichte und alte Kirchengeschichte. Er leitet das Projekt «Bibliothek der Kirchenväter im Internet», das die urheberrechtlich nicht mehr geschützten Teile der Buchreihe «Bibliothek der Kirchenväter» digitalisiert und zugänglich macht. 2010 erhielt Gregor Emmenegger den Hanns-Lilje-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen für seine Arbeit «Der Text des koptischen Psalters aus al-Mudil».
Während man von Gott und Jesus automatisch Bilder vor Augen hat – wie auch immer diese geprägt sind –, ist das beim Heiligen Geist nicht der Fall. Ist er sozusagen der am wenigsten verstandene, weil am wenigsten greifbare Teil der Dreifaltigkeit?
Auf jeden Fall. In den ersten drei Jahrhunderten nach Christus diskutierte man zum Beispiel ausführlich über den Sohn, man fragte sich, ob Jesus Gott ist oder ob man durch Jesus Gott begegnet. Der Heilige Geist spielte da keine Rolle. Das änderte sich erst ab dem 4. Jahrhundert, als die ersten Diskussionen über den Heiligen Geist geführt wurden – aber immer noch stark auf den Sohn bezogen. Der Heilige Geist ist eben wirklich jener Teil der Dreifaltigkeit, der sich am wenigsten gut anthropomorph – also menschengestaltig – fassen lässt. Unter einem Schöpfer kann man sich etwas vorstellen, von Jesus kann man sich ein Bild machen, doch mit dem Heiligen Geist tut man sich in dieser Hinsicht schwer.
Ist der Heilige Geist etwas typisch Christliches?
Nein, die Christen nahmen hier die jüdische Tradition des Ruach auf und führten sie weiter. Typisch für das Christentum ist jedoch, dass die freiwillig gewählte Glaubensgemeinschaft der Christen im Zentrum von allem steht. Es geht nicht wie im Judentum um die Nation, die sich auf einen gemeinsamen Vater zurückführt, und auch nicht um die politische Gemeinschaft, die im Islam eine zentrale Rolle spielt.
Bald ist Pfingsten, das Fest, an dem gemäss der Apostelgeschichte des Lukas der Heilige Geist über die Jünger kam: «Und sie wurden alle erfüllt von Heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.» (Apg 2,4). Waren die Jünger also im eigentlichen Sinn begeistert?
Genau so ist es. Und das ist nicht nur positiv, wie ich in meinem Vortrag diskutieren werde. Denn begeisterte Menschen bergen immer auch ein Gefahrenpotenzial für eine Gemeinschaft. Sie lassen sich von ihrer Begeisterung wegtragen und fragen nicht nach Strukturen oder Traditionen. Das führt zu Spannungen, die in den ersten Jahrhunderten ganz stark spürbar waren. Man kann Begeisterte nicht einfach machen lassen, man muss ihre Begeisterung in Bahnen lenken – und gerät damit in einen Konflikt.
In welchen?
Jesus sagt klar und deutlich, dass man Begeisterte nicht bremsen darf, sonst versündigt man sich. Ungebremst werden sie für eine Gemeinschaft aber problematisch.
Ist der Heilige Geist demnach ein Revoluzzer?
Auf jeden Fall!

Man könnte das Pfingstwunder aber auch so interpretieren, dass die Jünger nicht begeistert, sondern besessen waren ...
In den ersten Jahrhunderten war die Frage tatsächlich sehr wichtig, wie man denn echte von falscher Begeisterung unterscheiden könne. Auch dies führte immer wieder zur Frage, ob und wie man Begeisterung begrenzen soll, damit sie nicht alles Bisherige einreisst.
In Ihrem Vortrag werden Sie der Frage nachgehen, wie viel Heiliger Geist die Kirche braucht. Die Antwort lautet demnach nicht: So viel wie möglich?
Nein, denn das verträgt keine Gemeinschaft. Die Kirchengeschichte ist geprägt von Wellenbewegungen zwischen Begeisterung, Aufbruch, Neuanfang und der Einsicht, dass ein Übermass davon die Gemeinschaft aus ihren Fugen hebt. Es braucht Richtlinien, Strukturen, Ämter, Führungsfiguren, welche die Gemeinschaft zusammenhalten. Legt man darauf aber zu viel Gewicht, wird der Schwung der Begeisterung gestoppt.
Wo steht die Kirche heute? Herrscht zu wenig Begeisterung?
Man könnte es vielleicht so sagen: Wir haben immer noch Strukturen, die eine frühere Begeisterung im Zaum halten sollten. Aber die Begeisterung ist nicht mehr so kraftvoll, wie sie es früher war. Wir sollten unsere Strukturen an das herrschende Mass an Begeisterung anpassen.
Das klingt, als würde auch der Heilige Geist selbst Wellenbewegungen durchmachen.
Er muss sich immer wieder erneuern und der jeweiligen Gesellschaft anpassen – so wie sich auch die Kirche immer wieder erneuern sollte.
Weshalb sagt man, Pfingsten sei der Geburtstag der Kirche?
Weil letztlich alles in den Kirchen zu dem Moment zurückführt, als der Heilige Geist die Jünger erfüllte. Die Kirchen sollten sich deshalb daran erinnern, dass hinter Amt und Tradition der Heilige Geist steht; und dass hinter dem Wort und der Bibel ebenfalls der Heilige Geist steht. Die Kirchen können nur einen Erneuerungsprozess anstossen, wenn ihnen dies bewusst ist. Zurück zu den Wurzeln des Heiligen Geistes – ohne alles grundsätzlich in Frage zu stellen, aber mit aller Offenheit für Erneuerung.
Also nicht: Raus mit dem Alten, rein mit dem Neuen?
Das Alte ist nicht per se schlecht. Aber man muss sich fragen, wie das Alte gewichtet wird, welche Rolle es im Neuen spielen kann und soll. Das ist anspruchsvoll, denn zu viel des Alten treibt den Heiligen Geist aus, und zu viel des Neuen führt zur Verzettelung. Am stärksten kann der Heilige Geist wirken, wenn er einen klar definierten Raum bekommt, innerhalb dessen er sich frei entfalten und Menschen begeistern kann.


