Wissen und Glauben im Wandel der Zeit

Mit seiner neuen Denkfabrik möchte Sozialdiakon Peter Jost die Menschen einmal im Monat auf intellektuelle Reisen mitnehmen. Eingeladen sind alle, die sich für Philosophie interessieren und sich einen Abend lang in ein spannendes Thema vertiefen möchten.
Die Denkfabrik ist ein neues Angebot im Kirchenkreis elf. Was steckt dahinter?
Peter Jost: Wir wollen jedes Jahr unter ein grosses Thema stellen, das wir mit den Teilnehmenden diskutieren. 2026 lautet das Thema: «Wissen in der Neuzeit: Vom Christentum zur Postmoderne». Das Fundament des Wissens hat sich ja im Lauf der Zeit radikal verändert.

In welcher Hinsicht?
Beeinflusst vom Platonismus war im Mittelalter die unsichtbare, jenseitige Welt Quelle von Wahrheit. Und die kirchlichen Autoritäten legten fest, wie die Welt funktioniert. Die Menschen bezogen ihr Wissen quasi aus der Bibel. Es war selbstverständlich, dass es Gott gibt, und wer das verneinte, war nicht bei Sinnen. Mit der Säkularisierung und Rationalisierung, die unter anderem mit René Descartes begann, zweifelte man die Bibel und die Kirche immer mehr an. Gleichzeitig kam die Erforschung der Natur und das Diesseits als Ausgangspunkt des Wissens in den Blick. Diesen Weg von Descartes bis in die heutige Zeit, möchte ich zusammen mit den Teilnehmenden anhand wichtiger Philosophen nachzeichnen.
Aber die Philosophen waren doch für diese Entwicklung nicht verantwortlich. Es war die Wissenschaft, welche die alten Weltbilder und Verständnisse widerlegte …
Das stimmt schon, aber die Philosophen brachten den Wissensstand ihrer jeweiligen Zeit sehr verdichtet und mehr oder weniger komplex zum Ausdruck.
Die Denkfabrik ist also eine intellektuelle Übung?
Es steckt mehr dahinter. Letztlich geht es darum, woher wir kommen und wohin wir gehen. Das sind doch die spannendsten Fragen überhaupt. Sie müssten alle interessieren.
Die erste Denkfabrik zu Descartes hat bereits stattgefunden. Wie war es?
Das Interesse hat mich überwältigt! Ich ging von einer eher kleinen Stammtischrunde aus, doch es kamen 31 Personen – die meisten haben sich schon für die nächste Denkfabrik angemeldet. Nach meiner Einführung in das Thema, den Philosophen und sein Denken lasen wir zentrale Textstellen und diskutierten sie. Danach gab es einen Apéro, bei dem wir in kleinerer Runde weiter philosophierten.
Ende März geht es in der Denkfabrik um Immanuel Kant. Was waren seine Themen?
Eine seiner Kernaussagen war, dass der Mensch nur über jene Dinge sichere Aussagen machen kann, die sinnlich wahrnehmbar sind. Er legte damit den Grundstein für eine empirische Wissenschaft, die Gott auf der Suche nach Erkenntnissen bewusst ausklammert.
Gibt es schon ein Denkfabrik-Thema für das nächste Jahr?
Nein, aber ich freue mich über Anregungen der Teilnehmenden.
Denkfabrik – Immanuel Kant: Das Ding an sich ist unerkennbar
Zentrum Glaubten, Riedenhaldenstrasse 1, 8046 Zürich
Eintritt frei
Anmeldung bei Sozialdiakon Peter Jost: peter.jost@reformiert-zuerich.ch, Tel. 043 495 90 53
Veranstaltungstermine:
31. August: Albert Camus – Wie Leben in einer sinnlosen Welt?
28. September: Karl Popper – Wissenschaft kann nichts beweisen
26. Oktober: Friedrich Nietzsche – Gott ist tot
30. November: Jean-Francois Lyotard – Das Ende der Wahrheit