Der persönliche Weg zu Gott

Gott zu suchen und zu finden, im Alltäglichen und nicht nur im Rahmen eines Gottesdiensts, ist für viele Menschen Neuland. Exerzitien können dabei helfen, diesen Weg zu beschreiten.
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts – etwa zeitgleich zur Reformationsbewegung – entwickelte Ignatius von Loyola seine «Exercitia spiritualia». Mit dieser Sammlung geistlicher Übungen wollte der Gründer des Jesuitenordens den Übenden einen Leitfaden an die Hand geben, um in Freiheit ihren persönlichen Weg der Christusnachfolge zu finden. Anleitungen für Gebete, Meditation und die Unterscheidung der Geister sollten den Menschen auf ihrer spirituellen Reise helfen. Nachdem Exerzitien jahrhundertelang ein von Jesuiten angeleiteter katholischer Weg waren, steht er seit einigen Jahrzehnten Menschen aller Konfessionen offen – und das Interesse daran wächst, auch unter Reformierten. Heute werden Exerzitien in einer für die moderne Lebenswelt angepassten Form angeboten. Gegenwärtig bietet das Bistum St. Gallen die sechsmonatigen «Grossen Exerzitien im Alltag» an. Es nehmen 66 Gruppen in der Schweiz und im benachbarten Ausland teil – viel mehr als erwartet. Die Zürcher Gruppe besteht aus rund 30 Personen. Sie wird von den Exerzitienleiterinnen Gisella Matti, Magdalena Klapper-Rybicka und Marie-Louise Henrici als ökumenisches Projekt des Stadtklosters Zürich und des Zentrums christliche Spiritualität Zürich geleitet.

Keine Konfessionsfrage
Doch warum sollten sich Reformierte mit den katholisch verwurzelten Exerzitien befassen? «Weil es nicht um Konfessionen geht, sondern um den persönlichen, wie auch immer gearteten Glaubensweg», sagt Gisella Matti. Bei den jährlich stattfindenden, vierwöchigen kleinen Exerzitien, die Gisella Matti und Magdalena Klapper-Rybicka im Stadtkloster Zürich in Wiedikon anbieten, sei dies gut zu beobachten. Dort nehmen Menschen jeglicher Konfession und aus allen Lebenswegen teil, auch solche, die kirchenfern sind. «Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie Sinn und Orientierung für ihr Leben suchen – oder anders gesagt: einen persönlichen Weg zu Gott und zu sich selbst», sagt die pensionierte Pfarrerin Gisella Matti. Ein Aspekt, der in der reformierten Kirche nach ihrem Dafürhalten zu kurz komme.
Gemeinsam …
Dass sich immer mehr Menschen auf den persönlichen Glaubensweg mithilfe von Exerzitien begeben – auch Pfarrpersonen –, erklärt Gisella Matti so: «Vielen Menschen genügt es nicht mehr, nur ein Teil der ‹lieben Gemeinde› zu sein.» Sie möchten eine persönliche Ansprache, eine persönliche Begleitung, aber ohne den Kontakt zu einer Gemeinschaft zu verlieren. Dieses Bedürfnis bedienen die Grossen Exerzitien im Alltag. Einmal im Monat trifft sich die Gruppe im Kirchgemeindehaus der Thomaskirche Im Gut. Dort erhalten die Teilnehmenden Impulse für die nächsten Wochen und praktische Anleitungen zur Meditation. Bei den Gruppentreffen geht es aber auch um den ungezwungenen und vor allem unerzwungenen Austausch. «Die Teilnehmenden schätzen dies besonders», sagt Magdalena Klapper-Rybicka. «Man merkt es deutlich an der angeregten Stimmung in der Runde.»
… und doch individuell
Im Zentrum der Exerzitien steht jedoch das Individuelle in Form von Gebeten, Meditationen und Denkanstössen, die in einem Begleitbuch formuliert sind. «Die geistlichen Übungen können alle Teilnehmenden so gestalten und in ihren Alltag einbetten, wie es für sie in ihren jetzigen Lebenssituationen stimmt – im Wissen, dass sie von Gott geliebt sind vor allen Leistungen», sagt Magdalena Klapper-Rybicka. «Die Exerzitien sind im Grund ein strukturierter Meditationsweg, der einen inneren Prozess anstösst», fügt Gisella Matti hinzu. «Wir leiten die Teilnehmenden an, wie sie die Texte und Bilder im Begleitbuch meditieren können. Die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem Leben und mit dem Glauben ist ein Prozess, den alle für sich selbst gehen.» Für viele Menschen sei eine derart intime Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen neu, fügt Magdalena Klapper-Rybicka an. «Sich über die persönliche Beziehung mit Gott Gedanken zu machen und Spiritualität als Teil des Alltags zu betrachten, ist für sie geradezu revolutionär.» So revolutionär, dass eine 500 Jahre alte Tradition auch moderne Menschen anspricht.
«Kleine Exerzitien im Alltag»
Auf der Website des Stadtklosters Zürich können Sie sich über den Kurs «Kleine Exerzitien im Alltag» und weitere Veranstaltungen auf dem Laufenden halten.


