Idole – was verehren wir?

Von Michael Jackson bis Taylor Swift, von Gucci bis Prada: Der Mensch scheint Personen oder Dinge zu brauchen, die er verehren kann. Die reformierte Theologin Kathrin Rehmat und ihr katholischer Kollege Francesco Papagni machen sich dazu Gedanken.
Das Wort «Idol» kommt vom griechischen Wort eidolon. Es bedeutet «Bild», oft einer Gottheit. Das ist doch ein Grund für Christinnen und Christen, sich nicht mit Idolen zu beschäftigen. Es heisst schliesslich in der Bibel, man solle sich kein Gottesbild machen …
Kathrin Rehmat (KR): Als Menschen kommen wir aber gar nicht darum herum, uns Bilder zu machen. Das ist ein kreativer, aber auch ein umstrittener Prozess, der sich durch die ganze Geschichte des Christentums zieht. Wir kennen Bilder und Theorien vom 1. bis ins 8. Jahrhundert, die wesentlich dazu beitrugen, dass wir heute eine Westkirche und eine Ostkirche haben. Die Frage ist, wie wir zu einem Bilderverständnis gelangen, das Gott gefällt.
Francesco Papagni (FP): Götzenbilder sind ohne Frage gefährlich. Wir produzieren sie selbst, und sie führen uns in eine Abhängigkeit. Aber, um Madonna zu zitieren: «We are living in a material world, and I am a material girl.» Der Mensch ist ein sinnliches Wesen …
Idole werden bewundert, weil sie besonders sind. War Jesus ein Idol für seine Jünger?
FP: Da müssen wir vorsichtig sein. Die Bibel hat ein anderes Verständnis von einem Idol, als wir es heute haben. Heute sind Idole popularisiert, wie zum Beispiel James Dean. Aber Jesus war bestimmt kein James Dean.
KR: Ich würde nicht einmal sagen, dass Jesus ein Vorbild war. Wir interpretieren sein Wirken seit 2000 Jahren. Wie es wirklich war, vermögen wir mit so viel Abstand nicht mehr zu sagen.

Die Vorstellung, dass Jesus durchs Land zog und seine Jünger ihm folgten, hält sich aber immer noch.
KR: Dieses Bild wurde von Monty Python populär gemacht. Diese Vorstellung zeigt eine Art Karikatur der Nachfolge, die doch einiges mehr in sich trägt als die Fähigkeit, einem anderen nachzulaufen. Es reduziert christliche Lebenswege meiner Ansicht nach unsachgemäss. Ausser, wenn die Lebenslage derer in den Blick kommt, die Hilfe von ihm erhofften.
Warum macht die Verehrung von Idolen oft unkritisch und blind?
FP: Verehrung bedingt immer etwas Vorbehaltloses, und Kritik macht einen Schritt zurück, um etwas aus der Distanz zu betrachten.
KR: Aber ist Kritik deswegen die Antagonistin der Verehrung? Kritik kann doch auch eine Form von Liebe sein. Denn wenn ich etwas oder jemanden kritisiere, zeigt dies, dass ich die Sache oder die Person ernst nehme, dass sie mir etwas bedeuten.
FP: Im Alten Testament wird viel Gewicht auf die Unterscheidung zwischen dem wahren Gott und den falschen Göttern, den Götzen, gelegt. Dem wahren Gott ist man treu, die Götzen verehrt man unkritisch. Das zeigt sich an der heutigen Verehrung von Marken und Markenartikeln. Die Menschen setzen allzu oft vorbehaltlos all ihre Ressourcen und mehr ein, um Dinge zu kaufen – und sie fühlen sich dabei frei. Aber sind sie das wirklich? Ist die Argumentation der Aufklärer, nach der wir nach der Befreiung aus kirchlicher und staatlicher Bevormundung zu mündigen, eigenständig denkenden Menschen werden, in diesem Fall wirklich zutreffend?
KR: Allerdings kann man sich auch fragen, wer in einer Gesellschaft der Religionsfreiheit darüber entscheiden kann, was oder wen ich auf welche Weise verehren darf. Vielleicht ist das einfach die persönliche Angelegenheit jedes und jeder einzelnen.
FP: Das Christentum und das Judentum sind sich jedenfalls einig und eindeutig: Wir haben einen Bund mit dem wahren Gott geschlossen, und das schliesst andere Götter aus.
Aber werden wir heute nicht gesteuert und darauf getrimmt, an diese und jene anderen «Götter» zu glauben?
KR: Wir werden heute sogar masslos überflutet mit Bildern, die unser Interesse wecken sollen. Und ich glaube, dass Interesse eine Vorstufe zur Verehrung sein kann: Man investiert seine Zeit und bekommt etwas dafür zurück.
FP: Hinter Marken und öffentlichen Menschen stehen heute ganze PR-Maschinerien. Sie sind darauf aus, dass sich die Menschen dem Bann der modernen Idole nicht entziehen, sondern möglichst alles konsumieren, was angeboten wird. Aber Vorsicht, ich möchte nicht ins Moralisieren kommen. Anthropologisch gesehen, sind Menschen verehrende Wesen. Aus der Veranlagung zur Verehrung auszusteigen, hiesse, aus der conditio humana auszusteigen. Wir suchten uns damals wie heute wie auch immer geartete Idole, um diese Veranlagung ausleben zu können.
Ist das gut oder schlecht?
KR: Es ist einfach so, das brauchen wir nicht zu werten. Das werden wir auch in unserer Reihe «Unter dem Ahorn» nicht tun. Wir möchten dort Zugänge und biblische Grundlagen zur Verehrung und zu Idolen aufzeigen, auch die jüdische Perspektive einbringen – und mit allen interessierten Teilnehmenden darüber diskutieren. Wir massen uns nicht an zu sagen, wie die Wahrheit ist.
FP: Zumal man mit dem Begriff «Wahrheit» in der heutigen Welt, in der es nicht mehr eine Wahrheit zu geben scheint, sondern nur noch verschiedene Narrative, sowieso vorsichtig sein muss. Um es frei nach Hegel zu sagen: Die Wahrheit ist keine ausgeprägte Münze, die eingestrichen werden kann.
«Unter dem Ahorn» ist eine vierteilige, ökumenische Reihe, die in diesem Jahr bereits zum vierten Mal über die Bühne geht. Sie wird geleitet von Kathrin Rehmat und Francesco Papagni. Kathrin Rehmat ist Pfarrerin im Kirchenkreis eins und Vertreterin der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich im Forum der Religionen. Francesco Papagni ist Mitglied der Synode und des Pfarreirats Liebfrauen.
Das Thema von «Unter dem Ahorn» lautet diesmal: «Idole. Was verehren wir?» Die Gespräche finden bei schönem Wetter im Pfarrhausgarten an der Schienhutgasse 6 in Zürich statt, bei Regen in der Predigerkirche.


