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500 Jahre Zürcher Wurstessen
Bildung & Spiritualität

500 Jahre Zürcher Wurstessen

1522 wurde Verbotenes gegessen: Das Zürcher Wurstessen gilt als wichtigster Grundstein der Zürcher Reformation und feiert dieses Jahr sein 500-jähriges Jubiläum.
04.03.2022Kirchenkreis eins
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Nach der Provokation die Politik: Die Zürcher Disputation brachte 1523 eine wichtige Wendung. Wikipedia
Das Wichtigste auf einen Blick
1522 wurde Verbotenes gegessen: Das Zürcher Wurstessen gilt als wichtigster Grundstein der Zürcher Reformation und feiert dieses Jahr sein 500-jähriges Jubiläum. «Dank äusserst geschickter Kommunikation brachte es mehr als Brisantes hervor», sagt Pfarrer Christoph Sigrist. Veränderungen seien indes die Früchte von Debatten und kirchenpolitischen Schachzügen, nicht von Würsten.

«Man konnte und wollte es nicht geheim halten, und er passierte auch nicht zum ersten Mal – der provokante, öffentliche Regelbruch», sagt Pfarrer Christoph Sigrist. Bereits am Aschermittwoch habe Heinrich Aberli im Bäcker-Zunfthaus «Zum Weggen» einen Braten gegessen. «Es lag so einiges in der Luft zu dieser Zeit.» Christoph Sigrist ist Grossmünster-Pfarrer und Titularprofessor für Diakoniewissenschaft an der theologischen Fakultät der Universität Bern. Er kennt sich mit dem Zürcher Wurstessen bestens aus: «Wir wissen dank Zeugenaussagen genau, was am ersten Sonntag der Fastenzeit im Haus ‹Zum Wyngarten› an der Gräbligasse passiert ist.» Es wurde ein wichtiger Grundstein der Zürcher Reformation gelegt: Zwölf Männer assen scharfe Rauchwürste und verstiessen damit gegen das Abstinenzgebot. Zwingli selbst ass nicht von der Wurst, er war aber zugegen. Und zwei Wochen später nahm er in seiner Predigt Stellung: «Die freie Wahl der Speisen» gilt als seine erste reformatorische Schrift.

Provokation als Mittel zum Zweck

Wichtiger als der Akt des Wurstessens sind aber für Christoph Sigrist seine Folgen: «Zwingli konnte damit auf die aktuellen Provokationen eingehen, ohne selbst direkt angreifbar zu sein», sagt der Pfarrer, «das war ein grossartiger Handstreich, denn eigentlich ist es wurst, wer Wurst ass: Zwingli hat diese Provokation bewusst übersteuert und sie geschickt als Mittel zum Zweck genutzt.» Natürlich sei es ihm um viel mehr gegangen: «Er wollte den Prozess mit Konstanz voranbringen und die Autonomie des Stadtstaates Zürich gegenüber dem Bischof von Konstanz stärken.» Mit Erfolg: Der Grosse Rat von Zürich entschied daraufhin etwa, sich ganz auf die Bibel zu stützen, wenn es um die Fastenfrage ging. Nach der sogenannten ersten Zürcher Disputation 1523 wurde Zwinglis Lehre offiziell anerkannt. Sie hatte zudem die Aufhebung des mit dem Bischof von Konstanz geschlossenen Vertrags über Gerichtskompetenzen zur Folge. «Die Veränderungen von Kirche und Stadt waren eng verwoben und fanden als eine Art demokratischer Prozess basierend auf Disputationen – notabene ausschliesslich zwischen Männern – über Inhalte statt: So haben die Inhalte schlussendlich die Form diktiert», sagt Christoph Sigrist.

Disputatio!

Ob Braten, Wurst oder Spanferkel – in Basel wurde wenig später mit einem Spanferkel-Essen ein ähnliches Zeichen gesetzt –, es sei darum gegangen, mitzureden und mitzubestimmen. Christoph Sigrist: «Die inhaltliche Debatte, sei es zum grossen Thema Armutsbekämpfung oder der damals zunächst noch verbotenen Eheschliessung von Geistlichen und eben zu den Fastengeboten, hatte die biblische Tradition zur Grundlage.» Das provokative Wurstessen und seine kirchenpolitische Nutzung zeige uns heute, dass «wir nicht davor zurückschrecken sollten, den öffentlichen Raum zu nutzen, und dass die Kirche die öffentliche Debatte aktiv mit ihren Inhalten füllen soll.» So sei es wichtig, dass wir unseren Fokus – ganz nach biblischer Tradition – auf Inhalte richten und in einem interreligiösen Dialog aktiv Demokratie sowie Inklusion leben.

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