Zum Geburtstag eine Oper

Dieses Jahr wird im Kirchenkreis vier fünf gefeiert: Die Citykirche Offener St. Jakob wird 125 Jahre, das Pilgerzentrum Zürich 30 Jahre alt. Die beiden Jubiläen werden mit einer ungewöhnlichen und mutigen Aufführung begangen.
Die Citykirche Offener St. Jakob gleich bei der Tramhaltestelle Stauffacher wird 125 Jahre alt. Ihre Wurzeln reichen aber weiter zurück. Ihr Vorgängerbau, die Jakobskapelle, war seit dem 13. Jahrhundert ein Siechenhaus – ein Ort am Rand von Zürich, wo man die ansteckenden Kranken hinschickte. Nachdem 1893 Aussersihl von einer Vorstadtgemeinde zum Zürcher Stadtteil geworden war, wurde ein Architekturwettbewerb für die neue Kirche St. Jakob ausgeschrieben. Die Berliner Architekten Johannes Vollmer und Heinrich Jassoy kamen zum Handkuss, die neue Kirche wurde 1901 eingeweiht. Der ursprünglich farbige Kirchenraum wurde in den 1930er-Jahren purifiziert. «Man übermalte das, was man plötzlich als unruhige Mischung aus christlichem Gebetshaus, Moschee und mediterraner Orangerie empfand, kurzerhand mit grauer Farbe», sagt Verena Mühlethaler, Pfarrerin in der Citykirche Offener St. Jakob. Die Farbe kehrte erst mit der Innenrenovation 2004 zurück.
Starke Pfarrpersonen
Für Farbe im übertragenen Sinn sorgten auch einige unbequeme Pfarrpersonen. «Gleich der erste Pfarrer, Paul Pflüger, wurde als einer der ersten ‹roten› Pfarrer der Schweiz bekannt», erzählt Verena Mühlethaler. «Er engagierte sich sehr für minderbemittelte Menschen und ging später als Stadtrat in die Politik.» Sein Nachfolger, Pfarrer Emanuel Tischhauser, war eine der wenigen Pfarrpersonen, die sich trauten, von der Kanzel herab offen gegen das Nazi-Regime zu predigen. Und Pfarrer Anselm Burr sorgte 1992 dafür, dass das eigentlich britische Konzept der offenen Citykirche trotz des Widerstands der damaligen Kirchenpflege umgesetzt wurde. Seither ist die Citykirche Offener St. Jakob ein Ort mit einem breit gefächerten spirituellen Angebot von Tanz über Meditationen bis hin zu verschiedenen Seelsorgeformen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung Geflüchteter.
Ältestes Pilgerzentrum im deutschsprachigen Raum
Auch das Pilgerzentrum feiert 2026 – nämlich sein 30-jähriges Bestehen. «Unser 25-Jähriges ist leider Corona zum Opfer gefallen», erklärt Pfarrerin Franziska Bark Hagen, die auch das Pilgerzentrum leitet, das etwas ungewöhnliche Jubiläum. «Jetzt können wir immerhin einen runden Geburtstag mit dem Kirchenjubiläum verbinden.» Diese Verbindung hat ebenfalls eine gewisse historische Konsequenz. Die ehemalige Jakobskapelle war nämlich auch eine Pilgerherberge. Ab 1987 beschloss der Europarat, die alten Pilgerwege wieder als europäische Kulturwege zu rekonstruieren – eine europäische Selbstverständigung von unten entgegen aller politischen Trennung. «Als das Pilgerzentrum St. Jakob Zürich 1996 von Pfarrer Theo Bächtold in Pionierarbeit gegründet wurde, zeigte unsere Kirche keine Brührungsängste und machte sich die Pilgertradition zu eigen – grossartig!», findet Franziska Bark Hagen. Tatsächlich ist das Pilgerzentrum Zürich das älteste seiner Art im deutschsprachigen Raum.
Mutiges Jubiläumsprogramm
Zum Doppeljubiläum haben sich die Verantwortlichen etwas Besonderes einfallen lassen. Franziska Bark Hagen kannte die freie Opernkompanie Novoflot aus Berlin, und sie konnte das Ensemble davon überzeugen, in der akustisch hervorragenden Citykirche eine Inszenierung zum Jubiläum zu produzieren. Das Programm mit dem Titel «NO NAME (GOD)» ist jedoch keine Oper im klassischen Sinn, bei der das Publikum nur dasitzt und zuhört. «Es braucht weder Abendkleid noch Frack noch Opernglas», beschreibt Franziska Bark Hagen das Konzept. «Das Publikum begibt sich auf eine musiktheatrale Pilgerreise, bei der es sich frei im Raum bewegen und in die multimediale Erfahrung eintauchen kann.» Der Thuner Komponist Michael Wertmüller schreibt speziell für diesen Anlass die Musik für die zwei Chöre und die besondere Orgel. Zudem werden vier Menschen mit Fluchthintergrund musikalisch in die Aufführung integriert. Schon jetzt wird deutlich: Man muss es erlebt haben! «Wir hoffen, dass unsere Gemeindemitglieder diesen aussergewöhnlichen Umgang mit dem Thema Spiritualität geniessen werden», sagt Franziska Bark Hagen, «und dass wir vielen kulturinteressierten Menschen zeigen können: All das ist auch Kirche.»
Weitere Informationen
«NO NAME (GOD)» wurde vom 12. bis 14. Juni in der Citykirche Offener St. Jakob aufgeführt.