Für den Fall der Fälle vorsorgen

Niemand denkt gern über sein Ableben nach. Es ist jedoch ratsam, es zu tun und mit seinen Liebsten darüber zu sprechen – frühzeitig und nicht erst, wenn es fast schon zu spät dafür ist. Das gilt erst recht bei der Diagnose Demenz, wie der Palliativexperte Roland Kunz weiss.
Was ist eine Patientenverfügung, und wozu wird sie gebraucht?
Roland Kunz: Mit einer Patientenverfügung bestimmt man in einer Zeit, in der man gesund ist und selbstständige Entscheidungen treffen kann, welche medizinischen Massnahmen im Fall der Fälle ergriffen werden sollen – oder eben nicht.

Zur Person
Roland Kunz ist Facharzt für Geriatrie und Palliativmedizin. Er war in leitender Funktion im Pflegezentrum Oberi in Winterthur, im Pflegezentrum Spital Limmattal in Schlieren und später als Chefarzt der Geriatrieklinik und des Palliativzentrums am Spital Affoltern und am Stadtspital Waid tätig. Er war Mitglied der Kommission zur Erarbeitung der medizin-ethischen Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW).
Also ein sehr sinnvolles Dokument!
Wenn es richtig gestaltet und nicht einfach eine Alibi-Übung zur Beruhigung des Gewissens ist, schon. Vor zehn, 15 Jahren dachte man: Haben alle eine Patientenverfügung, kann man schwierige Situationen weitgehend vermeiden. Mittlerweile hat man gemerkt: Eine Dokumentvorlage auszudrucken sowie drei Kreuze und eine Unterschrift draufzusetzen, wird vielen Situationen nicht gerecht. Auch gängige Formulierungen wie «Wenn keine Aussicht auf Besserung besteht» sind in der Praxis problematisch. Es gibt nur wenige Situationen, in denen man sicher sagen kann, dass keine Aussicht auf Besserung besteht.
Wie macht man es besser?
Seit einigen Jahren spricht man von gesundheitlicher Vorausplanung. Dabei geht es darum, festzuhalten, was einem im Leben wichtig ist, welche Werte man hat, wovor man Angst hat, wie man sich Pflegesituationen wünscht und vorstellt. Das ist ein Prozess, den man früh anstossen und bei Bedarf immer wieder anpassen sollte. Darüber muss man mit der Familie und Angehörigen sprechen und alles ausformuliert zu Papier bringen.
Aber das Papier darf dann nicht einfach in einer Schublade verschwinden, oder?
So ist es. Man muss seinen Liebsten sagen, wo das Dokument zu finden ist. Es gibt mittlerweile auch Möglichkeiten, es digital zu hinterlegen. Im Portemonnaie trägt man dann eine Karte mit dem entsprechenden Link, auf den medizinisches Personal im Notfall zugreifen kann.
Das Thema Patientenverfügung ist im Normalfall schon Herausforderung genug. Wie ist es bei einer Demenzdiagnose?
Die geistigen Fähigkeiten von Betroffenen nehmen im Verlauf der Erkrankung ab. Was schon früh verloren geht ist die Fähigkeit, vorauszudenken und die Folgen eigener Entscheidungen abzuschätzen. Patientenverfügungen müssen daher so schnell wie möglich erstellt werden. In der Praxis beschäftigt Betroffene aber im ersten Moment viel eher, wie lang er oder sie wohl noch Autofahren oder selbstständig wohnen kann. Hier müssen auch die Fachpersonen aktiv werden und informieren, sonst wird das Fenster für eine Patientenverfügung schnell verpasst.
Das haben Sie bei Ihrer Arbeit in der Palliativmedizin bestimmt häufiger erlebt.
Leider ja. Angehörige kommen dann oft in Situationen, in denen sie den bildlichen Daumen hoch oder runter halten müssen, wenn es um anstehende Behandlungen geht. Das ist brutal.
All diese Themen werden Sie an der Veranstaltung «Patientenverfügung und Demenz» ausführlich ansprechen. An wen richtet sich das Angebot?
An alle, die sich mit dem Thema gesundheitliche Vorausplanung auseinandersetzen, an Angehörige von Demenzpatientinnen und -patienten, an Menschen mit einer Demenzdiagnose – und an Menschen, die im Pflegebereich arbeiten und herausfinden wollen, wie sie etwas zu diesem wichtigen Thema beitragen können.
Drehscheibe Demenz
Demenzbetroffene Menschen und ihre Angehörigen sind Teil des kirchlichen Lebens und werden in allen Angeboten vor Ort wahrgenommen und wertgeschätzt. So möchte die Kirchgemeinde Zürich dem Ziel einer demenzsensiblen Kirche näherkommen. Einzelne Angebote werden in Kooperation mit anderen Institutionen durchgeführt.