Anonym, kostenlos und spontan

Viele Kirchen in der Kirchgemeinde Zürich bieten wöchentlich Seelsorgegespräche an – ohne Anmeldung und kostenlos. Doch welche Kirchen bieten welches Angebot? Und vor allem: Was erwartet einen da?
Eine Frau im knalligen roten Pullover interessiert sich an diesem strahlenden Frühlingstag für ein Seelsorgegespräch mit Pfarrer Patrick Schwarzenbach in der Citykirche Offener St. Jakob. Anmelden muss man sich nicht, aber da das erste circa 30-minütige Zeitfenster kurz vorher vergeben wurde, muss sie sich noch ein wenig gedulden. Sie hat auf der Website des Offenen St. Jakob gelesen, dass der Theologe zwei Wochen als Obdachloser gelebt hat – das habe sie beeindruckt, erzählt die Frau mit dem lebendigen Blick. Zum ersten Mal so eine offene Sprechstunden in Anspruch genommen hat sie in einer psychiatrischen Klinik. «Damals habe ich mir vorgängig nicht gross Gedanken darüber gemacht, wie dieses Gespräch ablaufen wird. Aber generell habe ich einfach Mühe, wenn es missionarisch wird.» Diese Sorge sei jedoch völlig unbegründet gewesen.
Nahtod-Erlebnis warf Fragen auf
Seit ihrem Nahtod-Erlebnis aufgrund einer falsch verschriebenen Medikamentendosis sucht sie verstärkt die Nähe zu Religion und Glauben. «Ich bin atheistisch aufgewachsen, deshalb hat dieses Erlebnis viele Fragen in mir aufgeworfen.» Auch sie habe den oft beschriebenen Tunnel gesehen mit dem Licht am anderen Ende. Zudem erinnert sie sich an ein süsses, enorm angenehmes Gefühl, «und auch der Gedanke, dass mein Sohn bald keine Mutter mehr hat, verlor innert Sekunden seinen Schrecken.» Es sei eine ganz grosse Gewissheit da gewesen, dass das Bevorstehende völlig natürlich sei und jetzt einfach seinen Lauf nehmen könne. «Das hat mich an die Erzählungen der Kirche über das ewige Leben erinnert», sagt sie und schlüpft durch die Holztüre im Foyer der Kirche, wo das Gespräch stattfindet.
Pfarrerin Verena Mühletaler leitet im Turnus mit ihren Pfarrkolleginnen und -kollegen die Sprechstunde im Offenen St. Jakob. «Finanzielle Nöte sind oft ein Thema, oder Einsamkeit und die Frage, wie man Anschluss finden kann, psychische Krankheiten oder eine sexuelle Orientierung, von denen die Menschen denken, sie sei mit dem Glauben unvereinbar.» Glaubensfragen stünden bei Ratsuchenden jedoch selten im Zentrum. Nach Ansicht der Pfarrerin geht es den Leuten vor allem darum, dass ihnen jemand zuhört. «Ich versuche immer, das Gespräch mittels Fragen so zu lenken, dass die Person selbst in die Handlung kommt. Manchmal versorge ich jemanden nachträglich mit Adressen von weiteren Anlaufstellen oder vernetze die Person mit Menschen in der Kirchgemeinde, von denen ich denke, dass es passen könnte.» Verena Mühlethaler empfindet das Angebot als sehr niederschwellig – gerade weil es anonym stattfindet und eine Voranmeldung nicht nötig ist. Zudem verweist sie auf das Seelsorgegeheimnis – es verpflichtet Pfarrpersonen zu Verschwiegenheit.