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Notfallseelsorgende – Verbündete gegen die Ohnmacht

Ein gelbe Weste mit der Aufschrift «Notfallseelsorge» liegt auf einem Rucksack, daneben stehen schwarze Schuhe auf dem Boden.
Pascal Olivier Ramelet

Bei schwerwiegenden Ereignissen bieten die Blaulichtorganisationen die Notfallseelsorge Kanton Zürich auf – als psychologische Unterstützung für die Angehörigen.

Worte haben Macht und müssen deshalb mit Bedacht gewählt werden – denn sie können genauso heilend wie auch zerstörerisch wirken: Das ist sich Pfarrer Pascal-Olivier Ramelet, ehemaliger Pfarrer im Kirchenkreis sieben acht, sehr bewusst. In welchen Situationen die Blaulichtorganisationen die Notfallseelsorge aufbietet, ist ganz unterschiedlich. Das kann nach Autounfällen sein, bei Gewaltdelikten, natürlichen Todesfällen wie auch Suiziden.

«Unsere Aufgabe ist es, die Angehörigen nach einem schwerwiegenden Ereignis zu stabilisieren und ihnen Sicherheit zu bieten», erzählt Pascal-Olivier Ramelet. Manche sind sehr gefasst, andere versuchen intuitiv, das Ereignis zu leugnen. Oft kommen auch Schuldgefühle auf.» Ramelet zufolge ist das ein Mechanismus der Seele: Über die Schuldgefühle konstruiere die Seele eine Kausalität – das sei einfacher, als die Ohnmachtsgefühle auszuhalten.

Gott hält Wut auf ihn aus

Deshalb sei es manchmal trotzdem nötig, harte Worte auszusprechen: damit eine Person das Geschehene kognitiv überhaupt fassen kann. «Wichtig ist, dass man nichts schönredet und nichts interpretiert.» Denn die Notfallseelsorgenden wissen über die Umstände – vor allem bei laufenden Ermittlungen – in den meisten Fällen genauso wenig wie die Angehörigen.

In so einer Situation stellt Ramelet Rückfragen oder versichert den Menschen, dass es genau richtig ist, wie sie fühlen – zum Beispiel wenn Wut aufkommt. Religion kann hier eine Ressource sein – muss aber nicht. «Ich bin überzeugt, dass es Gott aushält, wenn wir wütend sind auf ihn», so Pascal-Olivier Ramelet. Dabei gehe es auch darum, im Sinne von Präventionsarbeit Folgesuizide zu vermeiden. «Wichtig ist, dass die Leute spüren: Ich lasse sie nicht fallen. Gemeinsam mit ihnen bin ich Verbündeter gegen die Ohnmacht.»

So ein Einsatz dauert durchschnittlich drei bis vier Stunden, er stand aber auch schon mal 15 Stunden im Einsatz. «Ratsam ist es nicht, so eine Akutbetreuung ist sehr kräftezehrend – aber manchmal geht es nicht anders. Im Normalfall werden wir spätestens nach acht Stunden abgelöst», so Ramelet. Das Setting, das ihn erwartet, ist ihm meist völlig unbekannt – und kann sich während des Einsatzes auch verändern: Das kann neben einer Autobahn sein, auf der Polizeistation, bei einer Familie am Küchentisch – oder an allen drei Orten nacheinander. Gute Schuhe und wasserdichte Kleidung gehören deshalb vorsorglich zur Grundausrüstung.

Als Seelsorger muss er auch schnell erfassen können, in was für ein Familiensystem er gerade Einblick erhält. Sind zum Beispiel geschiedene oder getrennte Paare zerstritten, mache es oft keinen Sinn, sie gemeinsam zu betreuen. In solchen Fällen kann sich Ramelet Unterstützung holen. Bei Grosseinsätzen wird zusätzlich die Organisation Care Kanton Zürich angefordert. Von der Seelsorge als Pfarrperson unterscheiden sich Akutinterventionen aber doch erheblich. Ramelet: «Es reizt mich, mich auf eine Situation einzulassen und zu schauen, wo ich Leiden lindern kann.»

Notfallseelsorge: Von den Landeskirchen getragen

Die Notfallseelsorge Kanton Zürich wird von den Landeskirchen getragen, ist rund um die Uhr verfügbar und konfessionell neutral. Sie ist in vier Regionen unterteilt, die Stadt Zürich gehört mit Dietikon und Teilen von Dielsdorf zur Region vier. Von den insgesamt 69 Notfallseelsorgenden des ganzen Kantons wohnen zwanzig in der Region vier, zwölf kommen aus der Stadt Zürich – sieben sind reformiert, fünf katholisch.

2021 hat die Notfallseelsorge Kanton Zürich 260 Einsätze geleistet und es wurden 796 betroffene Personen betreut. Neu besteht seit Anfang Jahr auf politischen Willen hin mit Care Kanton Zürich auch eine Nothilfeorganisation des Kantons.

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