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Persönlich: Der Pralinéschrank

Ein Pralinéschrank erzählt von Familie, Schokolade und der Liebe zum süss-herben Leben.
29.05.2025Diana TrinknerKirchenkreis zehn
Geschätzte Lesedauer: 4min
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Pexels, pixabay
Das Wichtigste auf einen Blick
Anhand eines geerbten Pralinéschranks erzählt Diana Trinkner die Geschichte ihrer Grosstante Klara und ihrer Liebe zur Schokolade. Der Schrank wird zum Symbol für die Höhen und Tiefen des Lebens, von Zeiten des Überflusses bis zu Zeiten des Mangels. Am Ende steht die Hoffnung, dass nicht nur die Liebe zur Schokolade, sondern auch die Freude am Leben weitervererbt wird.

In meinem Zimmer steht der Pralinéschrank. Mittlerweilen sind da Kleider in den Regalen, aber das war nicht immer so, denn zu seinen besten Zeiten war er von oben bis unten mit köstlichen Pralinen gefüllt. Ursprünglich gehörte er meiner Grosstante Klara und stand in unserem Haus am Bleicherweg, wo die ganze Trinkner-Sippe zu wohnen pflegte undgehörte der Urgrossvater einen Büromöbelhandel betrieb, der alle versorgte.

Klara kam Ende des 19. Jahrhunderts mit einer geistigen Behinderung zur Welt. Und wie man das damals so machte, wollte man sie der Familie wegnehmen, sterilisieren und in einer Einrichtung versorgen. Doch der Urgrossvater wehrte sich und so gehörte Tante Klara zur Grossfamilie. Und – sie liebte Schokolade! Sie sagte stets allen Leuten, die da im Büromöbelgeschäft ein- und ausgingen, wann sie Geburtstag habe und dass sie Pralinen liebe. Und so kam es, dass ihr Schrank zu guten Zeiten vom Scheitel bis zur Sohle mit Pralinen bestückt war. Zuunterst waren die, die sie am wenigsten mochte, die mit der Zuckerfüllung. Und wenn mein damals kleiner Papi, der ebenfalls die Liebe zur Schokolade geerbt hatte, bei der Tante bettelte, dann durfte er etwas vom untersten Regalbrett haben. Das waren die guten Zeiten.

Dann war Klara füllig, wie der Pralinéschrank, beobachtete Vater als Bub. Doch da waren auch Kriegszeiten und rationierte Nachkriegszeiten. Dann war der Schrank leer und die Tante dünn, ihre politische
Meinung klar wie ihr Name: «Hitler, Chopf abschniide, immer Hunger ha!», soll sie ausgerufen haben, wenn mein Papi, im Krieg geboren, sie provozierte. Doch dann kamen auch wieder bessere Zeiten auf den
Pralinéschrank zu, und das Leben und die Tante durften wieder prall und süss sein.

Das Leben ist wie Schokolade: Es ist süss und zart und bitter und fett – alles gehört dazu, dass es einem so sehr schmeckt – und es hat ein Ablaufdatum. Irgendwie landete der Schrank durch all seine Blüten- und Niedergangzeiten hindurch immer bei demjenigen Ahnen bzw. derjenigen Ahnin, bei der die Liebe zur Schoggi, die scheinbar genetisch vererbbar ist, am dominantesten ist. Drum steht er jetzt bei mir.

Ich erforsche bei der jüngsten Generation der Trinkner-Sippe, meinen Nichten, Neffen und Kindern schon seit einigen Jahren, bei welchem Kind die Schoggiliebe am meisten ausgeprägt ist, denn dieses Kind wird den Pralinéschrank von mir erben. Und ich hoffe und bete, dass die Liebe zum süssen, zartbitteren Leben ebenso erblich sei, wie die Liebe zur Schokolade!

DenkMal von Diana Trinkner

Diana Trinkner

Pfarrerin

Diana Trinkner

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im Juni 2025 verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.

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